Warum wenig Frauen und junge Menschen in kommunalen Gremien sitzen. Ein Kommentar.

Warum wenig Frauen und junge Menschen in kommunalen Gremien sitzen. Ein Kommentar.

In vielen kommunalpolitischen Gremien finden Sitzungen zu Zeiten statt, die für einen großen Teil der Bevölkerung schwer wahrnehmbar sind. Späte Abendtermine oder Sitzungen am frühen Mittag kollidieren regelmäßig mit Beruf, Kinderbetreuung, schulischen Verpflichtungen und familiären Aufgaben.

Die Folge ist nicht mangelndes Interesse, sondern eine strukturelle Hürde: Menschen müssen sich zwischen Teilnahme und Alltagsverpflichtungen entscheiden

Die Frage ist nicht:
„Wer interessiert sich für Politik?“
Sondern:
„Wer kann sich das gerade leisten?“

Und genau da beginnt das Problem. Wir tun oft so, als wäre Gleichstellung ein Ziel, an dem wir „noch ein bisschen arbeiten müssen“.
Aber ehrlich gesagt: Gleichstellung ist kein Zukunftsprojekt – sie ist längst überfällig. Und trotzdem sind die Strukturen immer noch so gebaut, dass viele Menschen faktisch ausgeschlossen werden.

Wer kümmert sich um Kinder?
Wer übernimmt Pflege?
Wer reduziert Arbeitszeit?
Es sind immer noch überwiegend Frauen.

Und gleichzeitig erwarten wir, dass genau diese Menschen abends in endlosen Sitzungen sitzen, komplexe politische Arbeit leisten und „nebenbei“ Verantwortung übernehmen.
Das ist kein individuelles Problem.
Das ist ein strukturelles Versagen.
Denn so, wie unsere Kommunalpolitik organisiert ist, bevorzugt sie ganz bestimmte Lebensrealitäten – und schließt andere systematisch aus.

Und das müssen wir klar benennen: Das ist nicht neutral. Das ist ungerecht.
Wenn wir das ändern wollen, reicht es nicht, an Symptomen herumzudoktern. Wir brauchen einen echten Perspektivwechsel.
Das heißt: Wir hören auf, Vereinbarkeit als private Herausforderung abzutun. Und fangen an, sie als politische Aufgabe zu begreifen.
Wir stellen nicht mehr die Frage: „Wie schaffen es Einzelne trotzdem?“
Sondern: „Warum machen wir es ihnen so schwer?“

Und dann handeln wir auch entsprechend:
Wir verändern Sitzungsstrukturen radikal – kürzer, flexibler, hybrid.
Wir sorgen dafür, dass Care-Arbeit nicht länger unsichtbar bleibt, sondern mitgedacht und mitfinanziert wird.
Wir akzeptieren nicht mehr, dass Engagement und Ehrenamt ein Zeitluxus sind.
Und wir schaffen Räume, in denen mehr Menschen tatsächlich mitentscheiden können – nicht nur theoretisch.

Denn eine Demokratie, an der nicht alle teilnehmen können, ist keine vollständige Demokratie.
Gleichstellung bedeutet nicht, alle gleich zu behandeln. Gleichstellung bedeutet, ungleiche Voraussetzungen aktiv auszugleichen.
Und ja: Das erfordert Veränderung. Es erfordert, Gewohnheiten zu hinterfragen. 
Und es erfordert, Verantwortung gerechter zu verteilen. Es ist unbequem.

Aber genau das ist unsere Aufgabe.
Nicht irgendwann.
Nicht schrittweise.
Sondern jetzt.

Der Kreisverband in Social-Media